Erschienen in: CUBA
Journal 2004 (Jahres-Magazin der Deutsch-Cubanischen Gesellschaft für
Solidarität mit Cuba / DeCub e.V., Hamburg), S.8-11
Blame
the victim: Kritik und Solidarität in neoliberalen Zeiten
Alte Vertreter des „neuen
Europa“, die Spitzenpolitiker Walesa, Havel, und Goncz, schimpften in der FAZ
über „kubanische Stalinisten“, forderten „Cuba libre!“ und: „Die kubanische
Opposition muß die gleiche Unterstützung erhalten, wie die Vertreter des politischen
Dissens im bis vor kurzem noch geteilten Europa sie einst erhielten.“
(18.9.2003) Auch die frühere PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer mahnte unter dem Titel
„Castro Mauer auf!“ in der taz (27.9.2003) eine Öffnung Kubas und die Achtung
der Menschenrechte an. Unzählige ähnliche Artikel bekamen Platz in namhaften
Medien, in denen die Verhaftungswelle vom März/April 2003 und die Vollstreckung
der Todesstrafe an drei bewaffneten Fährentführern in Kuba scharf kritisiert
und Castro und Kuba allgemein äußerst hart attackiert wurden. Bei
unvoreingenommener Betrachtung der Diskussion und bei systematischer Durchsicht
der Artikel fallen charakteristische Merkmale auf, die hier im Kontext von
„Kritik und Solidarität“ thesenhaft dargestellt und erörtert werden sollen.
Als jemand, der jahrelang bei
Amnesty International (AI) engagiert war, ist mir die Einhaltung von
Menschenrechten ein zentrales Anliegen. Und die diesbezüglichen Verhältnisse
müssen auch in Kuba sicherlich verbessert werden. Speziell im Falle der Verurteilungen
der 75 Kubaner im April 2003 sind allem Anschein nach Verfahrensmängel
nachweisbar bzw. wurden in nicht hinreichendem Maße von den kubanischen Stellen
wiederlegt. Dazu gehören Kurzfristigkeit der Verfahren, Sammelprozesse,
unzureichender Rechtsbeistand, Höhe der Strafmaße, umgehende Vollstreckung der
drei Todesurteile; darüber hinaus wird von Manchen die schlechte Unterbringung
moniert. Mir liegen keine hinreichenden und zuverlässigen Detailinformationen
vor, um diese Punkte fundiert einschätzen zu können. Doch einige Vorwürfe
klingen plausibel und rechtfertigen sachliche Kritik. Dies ist in den
herrschenden und in liberalen Medien erfolgt und soll hier nicht wiederholt
werden. Vielmehr geht es mir im Folgenden darum, diese völlig unzulängliche und
verzerrende Rezeption der Ereignisse zu analysieren.
1: Die Hintergründe der
allgemeinen Sicherheitslage und Befindlichkeit, aber auch der
Sicherheitsaktionen 2003 in Kuba, wie sie in Fachbüchern und -zeitschriften
analysiert worden sind, werden in den domonierenden Medien nicht erwähnt. Die
inhaftierten Kubaner werden durchweg - und ohne Beweise - als „Dissidenten“
bezeichnet.
2: Details der Verhaftungen und
der Justizverfahren werden ignoriert. Offizielle kubanische Quellen und die
Urteilsbegründungen werden nicht zitiert. Stattdessen wurde die Meinung des
Wall Street Journal, der reporter sans frontier oder der Internationalen
Gesellschaft für Menschenrechte unhinterfragt herangezogen und deren Ideologie
verbreitet. So erschien im erzkonservativen Wall Street Journal direkt während
der Verhaftungen in Kuba eine ganze Serie von Artikeln und die US-dominierten
Nachrichtenagenturen verbreiteten weltweit das darin offerierte Klischee, der
ergraute kommunistische Diktator Castro habe im Schatten des Irakkriegs die
Opposition eingesperrt. Auch im deutschsprachigen Raum wurde diese Auffassung
durch dpa (Klaus Blume, Mexiko) verbreitet und unhinterfragt reproduziert. Wie
fehlerhaft und tendenziös viele solche „Meldungen“ waren, mag ein Beispiel
zeigen: genüßlich wurde berichtet, der portugiesische Literaturnobelpreisträger
und Kubafreund Samarago habe wg. der Verhaftungen mit Kuba gebrochen. Kürzlich
hat er dem deutlich wiedersprochen - was allerdings nicht verbreitet wurde.
3: Selbst bei der wichtigen Frage
von Menschenrechten werden hauptsächlich tendenziöse Quellen verwendet. Ich
fand keinen Artikel, in dem Bezug genommen wurde auf verlässliche Quellen wie
z.B. die von Amnesty International. In deren Jahresbericht - Berichtszeitraum
bis Ende 2002 - heißt es über Kuba: „Mehrere offiziell nicht zugelassene
Organisationen setzten sich für mehr Offenheit und den Schutz der
Menschenrechte in Kuba ein. Die Behörden ließen sie weitgehend gewähren,
wenngleich gelegentlich von Repressalien gegen Aktivisten berichtet wurde.“ (S.343)
„Der seit einer Reihe von Jahren festzustellende Rückgang der Zahl gewaltloser
politischer Gefangener wurde (...) von einigen Beobachtern als Anzeichen dafür
gewertet, dass die Unterdrückung von Dissidenten an Härte verloren hat.“ (S.
345f.)
4: Ein Nachvollziehen der
spezifischen Situation, in der sich Kuba befindet und speziell im März befand
(Beginn der kolossalen militärischen US-Invasion im Irak entgegen Völkerrecht
und allen UN-Beschlüssen), erfolgt nicht. Die Beobachterposition ist meist arrogant
und distanziert. Daher wundert nicht, dass diese Autoren so tun, als läge Kuba
sozusagen im Bodensee und nicht 90 Meilen unterhalb der USA; und dort leben
Andersdenkende gefährlich, woran die sich 2003 jährenden US-Interventionen in
Chile (11.9.1973) und Grenada (21.10.1983) erinnern sollten. Deshalb gehören
die Ereignisse um Kuba nicht primär in den Diskurs über (bürgerliche)
Menschenrechte, sondern in den des Rechts auf Selbstbestimmung und
eigenständige Entwicklung (UN-Charta).
5: Der Rekurs auf Menschenrechte
erfolgt mit einem einseitigen und verfälschend selektiven Fokus auf einige
wenige Elemente. Auffallend ist, dass nur ein Ausschnitt thematisiert wird wie
Meinungsfreiheit. Alle anderen wesentlichen Menschenrechte, wie in
UN-Dokumenten manifestiert (soziale und kollektive Menschenrechte etc.) werden
völlig ignoriert.
6: Es wird skrupellos mit
zweierlei Maß gemessen: Kuba hat nicht annähernd solche Menschenrechtsprobleme
wie z.B. NATO-Partner Türkei oder die USA (680 Inhaftierte allein auf Guantanamo,
dem US-Militärbezirk auf kubanischem Boden; außerdem fast 100 Exekutionen pro
Jahr in den USA), ganz zu schweigen von lateinamerikanischen Gesellschaften, wo
Hunger und Elend, Analphabetismus und Ausbeitung, Folter und Attentate auf der
Tagesordnung sind, wo Todesschwadronen und US-unterstützte Militärs ihr Unwesen
treiben. Ein Beispiel aus dem AI-Jahresbericht 2003 über Nicaragua: „Extreme
Armut, die durch Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft noch verschärft wurde,
führte dazu, dass zahlreiche Kinder und Erwachsene an Unterernährung starben“
(S.418) und „Menschenrechtsverteidiger unter Beschuss“ (S.419). Nur: Nikaragua
ist von den bösen linken Sandinisten „befreit“, das ist der Unterschied zu
Kuba. Über das Elend heute wird kein Wort mehr verloren, das Schicksal der
Miskito-Indianer - damals Oberthema bei westlichen antisandinistischen
Menschenrechtsschreibern - ist ihnen heute völlig schnuppe.
7: Wenn über Kuba berichtet wird,
dann fast ausschließlich als Problemgesellschaft und als morbides menschenrechtsverletzendes
Regime. Über die teilweise hervorragenden Erfolge, Reformen und Innovationen
Kubas z.B. bezüglich Umweltschutz, Bildung, Gesundheitswesen, regenerative
Energien, partizipative Demokratie, Entwicklungshilfe wird vernehmlich
geschwiegen. Und wie könnte Kuba erst in einem friedlichen und fairen Umfeld
aussehen!
8: Fast immer findet eine
Gleichsetzung von Kuba mit osteuropäischen Realsozialismen statt, und Castro
wird implizit mit osteuropäischen kommunistischen Führungspersonen verglichen („Altersstarrsinn“).
Allein solche Simplifizierungen belegen die völlig defizitäre Sachkenntnis der
Autoren - aber sie bedienen damit wirkungsmächtige und gut verkäufliche
Klischees.
9: In den Medienberichten über
Kuba scheinen EU-Staaten Maßstab zu sein und nicht z.B. andere
lateinamerikanische Gesellschaften. Und dann wird auch nicht ins Kalkül
gezogen, mit welch immensen Problemen sich die Menschen in der EU oder auch den
USA herumschlagen: soziale Verelendung, Sozialstaatsabbau,
Massenarbeitslosigkeit, Politikverdrossenheit, Bildungsmisere, Kriminalität und
Korruption etc. - sie sind keine relativierende Erwähnung wert. Die Sehnsucht
nach einem Paradies scheint tatsächlich stärker als der Realitätssinn.
10: Politische Analysen und
Reflexionen zur Gesamtlage in Lateinamerika (bzgl. Venezuela, Brasilien,
Argentinien, Kolumbien, FTAA/ACLA) finden nicht statt. Völlig unberücksichtigt
sind die militärischen Pläne der USA, die Aktivitäten von CIA und dem „Western
Hemisphere Institute“ (früher „School of the Americas“). Desgleichen werden
historische Erfahrungen (insb. US-Interventionen und manipulierte
Kriegseintrittsgründe) nicht einbezogen.
11: Der gefährliche Schwenk der
USA unter Herrn Bush auf eine neue Militärdoktrin wird nicht berücksichtigt
(preemptive war, preemptive strikes, Revolution in Military Affairs etc.). Und
deren bedrohliche Relevanz für Kuba wird völlig ignoriert.
12: Manche Autoren scheinen von
einer ominösen Obsession getrieben, die in Haßtiraden gegen Fidel Castro seinen
Ausdruck findet (Vergleiche mit Hitler, Beschimpfung als Diktator und
Menschenrechtsverletzer usw.). Allem Anschein nach findet über den Umweg Kuba
eine Art „Teufelsaustreibung des Kommunismus“ statt.
Zusammengefaßt: die herrschenden
westlichen Diskurse über die Entwicklungen in Kuba sind gekennzeichnet durch
eine extreme Dekontextualisierung, durch Verdrehung von Ursache und Wirkung,
durch verfälschende Selektivität, durch unreflektierten Eurozentrismus und
neoliberale Maßstäbe. Aber das dürfte für Linke nichts Neues sein, denn sie
sind dieser Taktik immer ausgesetzt, und Sozialismus oder andere
nicht-kapitalistische Gesellschaftssysteme haben noch nie eine faire Chance
erhalten. Die Alternative Kuba soll durch Verunglimpfung, Angst, Isolierung,
Schwächung ausgemerzt werden - die Hoffnung „eine andere Welt ist möglich“ soll
sterben. Diese Tätigkeit scheint neben Anheizen von Konsum eine der
Hauptfunktionen „freier“ Medien zu sein.
Die Rolle der USA gilt bei
Experten als der bestimmende Faktor der Entwicklung von Kuba. Und auch die
Vorkommnisse im Jahre 2003 standen unter starkem Einfluss der USA. Einige der
im Hintergrund wirkenden unzähligen Aktivitäten der Bush-Administration sollen
hier aufgeführt werden, da sie in der aktuellen Debatte weitgehend ignoriert
werden und das Ausmaß der Desinformation verdeutlichen.
Bush führte das seit 1962
bestehende US-Embargo gegen Kuba weiter (Kosten für Kuba ca. 70 Mrd. $). Am
4.11.2003 hat dies die UN-Vollversammlung zum inzwischen 12. Mal seit 1992 fast
einstimmig kritisiert und die Beendigung gefordert - natürlich wieder ohne
Folgen! Präsident Bush richtete nach seiner umstrittenen Einsetzung eine „Cuba
Dissidence Task Group“ ein, um regierungsfeindliche Personen und Aktivitäten
gegen Kuba intensiv zu unterstützen, geleitet von US-Außenminister Powell. Und
er ernannte reaktionäre Exilkubaner in wichtige Regierungsämter, z.B. Otto
Reich (verwickelt in Reagans Iran-Contra-Skandal!) als Chef der
Lateinamerikapolitik. Bush proklamierte in einer wichtigen Rede im Mai 2002
eine „Initiative für ein neues Kuba“ zwecks „Regime-Wechsel“ und bekräftigte
dies erst kürzlich offiziell. Das „USAID Cuba Program“ zahlte von 1996 bis 2000
etwa 6,5 Mio $ an US-NGOs, um Dissidenten in Kuba zu unterstützen. Allein für
2003 sind nun Zahlungen für eine Transformation in Kuba in Höhe von 6 Mio. $
vorgesehen.
Die Bush-Administration
provoziert Migration, denn obwohl seit 1995 vereinbart ist, dass die USA
jährlich 20.000 Visa ausstellen sollen, werden immer viel weniger ausgestellt.
Zugleich werden Kubaner mit dem „Angebot“ gelockt, bei Betreten der USA als
Immigranten anerkannt, Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und die
Staatsbürgerschaft zu erhalten (unter solchen Umständen wären z.B. Mexiko oder
Haiti menschenleer).
Anfang Juni 2003 hat
US-Aussenminister Powell auf dem Weg zu einem Treffen der OAS in Chile die EU
offen zu einer „gemeinsamen Strategie gegen Kuba“ eingeladen. Und
exilkubanische Kreise der USA beeinflussen - in Arbeitsteilung mit der
US-Regierung - vor allem lateinamerikanische Regierungen durch Geldzahlungen
(u.a. für Wahlkämpfe), um sie zur Distanzierung von Kuba zu bewegen. Für bi-
und multilaterale Aktionen gegen Kuba sind seit dem Helms-Burton-Gesetz von
1994 offen Mittel im US-Bundeshaushalt ausgewiesen.
Die USA haben in den letzten
Monaten 19 kubanische Diplomaten aus Washington und New York (UN!) ausgewiesen;
Bush verschärfte kürzlich die Reisemöglichkeiten für US-Bürger nach Kuba; hohe
Beamte lancieren immer wieder den Vorwurf, Kuba produziere und verkaufe B- und
C-Waffen; jüngst wurde Kuba unterstellt, Demokratien in Lateinamerika zu
gefährden; auf dem Gipfeltreffen in Mexico meinte Bush, für Kuba sei kein Platz
in einem demokratischen Amerika.
Bush provoziert auch militärisch,
wie ein Zwischenfall vom Mai 2003 belegt: die USA strahlten auf 4 kubanischen
(!) Radio- und Fernsehfrequenzen ihr antikubanisches Programm aus. Im Zentrum
der Aktion stand ein High-Tech-Flugzeug der US-Spezialeinheit, die bereits in
Grenada, Panama, Kuwait, Haiti, Jugoslawien und Somalia in zentraler Funktion
beteiligt war. Im Hintergrund warteten 6 US-Jagdbomber, um eine etwaige
kubanische Reaktion mit gezielten Bombardements zu „beantworten“.
Bushs Mann in Havanna, James
Cason, sah sein Hauptziel darin, die Opposition in Kuba zu stärken und zu
vereinigen. Dies versuchte er tatkräftig, traf sich mit etwa 300 Bürgern,
verteilte „staatsfeindliche“ Materialien, verschenkte Tausende Radioapparate
zum Empfang der kubafeindlichen US-Sender, gab erhebliche infrastrukturelle
Unterstützung (PC, Internetzugang, Kopierer, Fotoapparate, Videorekorder u.a.)
und führte in seiner Residenz Seminare mit Oppositionellen durch, die z.T. mit
speziellen Ausweisen immer Zugang hatten. Ein weiterer eklatanter Verstoß gegen
diplomatische und völkerrechtliche Grundsätze besteht darin, dass diese Kubaner
Geld von der US-Regierung erhielten. Dies gilt gemeinhin als Spionage und
Landesverrat. Casons provokantes Auftreten dürfte auch die Entführungen
mehrerer Flugzeuge und den Entführungsversuch einer Fähre in die USA ermutigt
haben. Drei der elf Schiffsentführer wurden wegen der Schwere ihres Verbrechens
- sie gefährdeten das Leben von 70 Passagieren - zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Mit solchen Aktivitäten und der
„Menschenrechts“kampagne wird das Ansehen Kubas und die Solidarität geschwächt.
Dies ist bedeutungsam, weil die Verteufelung eines Gegners bei Erreichen einer
bestimmten Intensität und Situation (z.B. große Ausreisewelle aus Kuba) den
Vorwand für noch aggressivere oder gar militärische Aktionen der USA böte. In
Demonstrationen in Florida hieß es: nach Irak ist jetzt Kuba dran, und ein
US-Botschafter sagte, der Umgang mit dem Irak sei Beispiel für Kuba (Washington
Times, 12.4.2003); US-Exilkubaner verrieten, die Bush-Administration habe ihre
Vertreter angewiesen, das Regime in Kuba zu provozieren (Neue Zürcher Zeitung
25.3.2003).
Und wie re-/agiert der freie,
demokratische Westen und die EU? Bis Anfang 2003 sah die Kubapolitik der EU
vielversprechend aus: sie öffnete ein Büro in Havanna; EU-Außenminister Nielson
lud Kuba zur Mitgliedschaft in das „Cotonou-Abkommen“ (Lomé-Nachfolge) ein; die
Bundesregierung plant ein Goethe-Institut. Aber auf die Verhaftungswelle in
Kuba reagierte die EU scharf wie nie: Einschränkung der bilateralen Kontakte
auf hoher Ebene, Reduzierung der Teilnahme an Kulturereignissen, Einladung von
kubanischen Systemgegnern zu Feiertagen der EU-Staaten, Neubewertung des
„Gemeinsamen Standpunkts“ der EU zu Kuba. Zu den Motiven für diese EU-Politik
gehört, die Verstimmung der Bush-Administration wegen des Irak-Krieges zu
beseitigen. Treibende Akteure sind die Proto-Demokraten Berlusconi und Aznar,
während z.B. die Bundesregierung nicht bereit scheint, andere Akzente zu setzen
- Kuba ist unwichtig, sondern sagte sogar die Teilnahme an der Buchmesse in
Havanna ab, obwohl Deutschland Schwerpunktland sein sollte!
Nach Berücksichtigung all dieser
Fakten ergibt sich als Fazit:
1. Die drakonischen
Strafmaßnahmen der kubanischen Sicherheitsorgane im Frühjahr 2003 waren eine in
Methode und Schärfe kritikwürdige Aktion; vor allem die Vollstreckung der
Todesurteile gegen die drei Schiffsentführer ist umstritten.
2. Die Strafmaßnahmen geschahen
aber keineswegs in einem Vakuum, sie hatten eine Vorgeschichte und waren
zuvörderst eine Reaktion auf gefährliche Provokationen und Subversion durch die
feindlich gesinnte, unilateral agierende Weltmacht USA.
3. Sie erfolgten, nachdem aus den
USA Verbalattacken gegen Kuba gerichtet waren und als Bush seinen Irak-Krieg -
gegen UN und „Freunde“ - inszenierte.
4. Sie sind als Warnung nach
innen und außen gedacht, dass nun die Toleranzgrenze gegenüber der von den USA
gestützten Subversion erreicht ist.
5. Die Maßnahmen sollten n. E.
aber auch als Empörung und Hilferuf an andere Staaten interpretiert werden, die
US-Aggressionen gegen Kuba nicht länger zuzulassen.
Folgendes Bild wurde vor drei
Jahren vom Hauptreferenten eines internationalen Kuba-Kongresses vorgetragen:
„In einem Hinterhof wird ein Mensch von einer Horde schwer bewaffneter Männer
bedrängt. Einer tritt und würgt ihn. Seine Krawatte verrutscht. Die Nachbarn,
die von oben herunterschauen und auch die Presse anderntags werfen aber nur dem
Menschen vor, seine Krawatte sitze schief.“ Er meinte damit die extrem
einseitige Sichtweise im Westen über Demokratie und Menschenrechte: Kuba wird
von einer militärischen Supermacht bedrängt, alle gucken zu ohne ernsthaft
einzugreifen und echauvieren sich über ein Detail, das zudem vom notwendigen
Abwehrkampf herrührt. Dieses Bild trifft die jüngsten Entwicklungen in
exemplarischer Weise. Kuba soll offensichtlich „sturmreif geschrieben“ werden!
Die Ereignisse um Kuba gehören
deshalb nicht primär in den Diskurs über (bürgerliche) Menschenrechte, sondern
in den des Rechts auf selbstbestimmte Entwicklung (UN-Charta). Jene, die die
Einhaltung der Menschenrechte in Kuba einklagen, müssen die primäre Ursache -
die aggressive und destruktive Politik der Bush-Regierung gegen Kuba stoppen.
Doch das würde Zivilcourage voraussetzen.
In der wissenschaftlichen Studie
von Susanne Gratius (Stiftung Wissenschaft und Politik) mit dem Titel „Kuba
unter Castro – Das Dilemma der dreifachen Blockade. Die kontraproduktive
Politik der ‚Demokratieförderung’ seitens der USA und der EU“ (Opladen 2003)
heißt es resümierend: „Das Fazit dieser Arbeit lautet deshalb: Erst der Wegfall
der potentiellen Interventions- und Einmischungsgefahr seitens der USA wird
eine demokratische Öffnung in Kuba überhaupt erst ermöglichen.“ (S.328) Ich
hielte es für intellektuell und moralisch recht beschämend, wenn einige
Personen, die sich zur Solibewegung zählen oder einfach nur als mündige Bürger
auftreten, hinter diese quasi-offiziöse Erkenntnis zurückfallen würden, um ihr
persönliches Süppchen zu kochen oder ideologische Scheingefechte auszutragen -
auf dem Rücken Kubas.
Welche Art von Solidarität
erscheint angesichts einer solchen, für Kuba außerordentlich bedrohlichen Lage
angebracht? Wahrhaftige westliche Menschenrechtsfreunde sollten sich meines
Erachtens nachdrücklich für größere Handlungsspielräume Kubas engagieren. Aber
noch exekutieren viele unter der Kuratel des Neoliberalismus stehende Autoren
gegen Kuba eines seiner Kernprinzipien: das Opfer ist selbst schuld! Weil der
Hauptverursacher zu mächtig ist, wird das Opfer malträtiert.
Edgar
Göll